WINTER NOTE | Eine kleine Kolumne über Wintersport und die Menschen dahinter.
In einer stillen Nacht in Kelowna wurde Japans achte Olympia-Teilnahme in Folge besiegelt
Als in der Arena im kanadischen Kelowna die Durchsage “Japan have qualified for the Milano Cortina 2026 Olympic Winter Games” erklang, gab es weder wilde Sprünge noch laute Jubelschreie. Skip Sayaka Yoshimura hielt einfach für einen Herzschlag lang den Atem an und lächelte leise. Allein das reichte, um einem die Brust eng werden zu lassen.
Die japanische Curling-Nationalmannschaft der Frauen, Fortius (Team Yoshimura), besiegte Norwegen beim letzten Qualifikationsturnier für die Olympischen Winterspiele Milano Cortina 2026 (Olympic Qualification Event 2025) mit 6:5 und sicherte sich damit das Olympia-Ticket. Damit steht fest: Japans Curlerinnen werden seit Nagano 1998 zum achten Mal in Folge bei Olympischen Spielen auf dem Eis stehen.
Am Vortag verlieren, am nächsten Tag denselben Gegner schlagen
Fortius beendete die Round-Robin-Phase mit sechs Siegen und einer Niederlage auf Platz zwei. Die einzige Pleite kam im letzten Gruppenspiel, ebenfalls gegen Norwegen – eine 10:9-Niederlage nach Führung. Eine bittere Art zu verlieren, und am nächsten Tag wartete im Playoff direkt das Wiedersehen mit genau diesem Gegner.
Das Playoff endete 6:5. Im ersten End kassierte Japan einen Punkt, im zweiten End holte Yoshimura mit einem gelungenen Draw zwei Zähler zurück. Norwegen antwortete mit zwei Punkten im dritten End und schien das Momentum an sich zu reißen. Doch ein Punkt im vierten und ein Steal im fünften End drehten den Fluss wieder in Richtung Japan. In der Schlussphase nahmen beide Teams jeweils einzelne Punkte mit. Im zehnten End blieb Norwegens letzter Stein minimal zu kurz – Japan musste seinen letzten Stein nicht einmal mehr spielen.
„Gegen einen Gegner am Vortag verlieren und ihn am nächsten Tag schlagen“ klingt auf dem Papier simpel. Unter der Schwere der Atmosphäre eines olympischen Qualifikationsturniers ist es jedoch alles andere als leicht. Genau deshalb bleibt dieses stille Lächeln so präsent.
Von Round Robin bis Playoff: was sich „typisch Fortius“ anfühlte
Sechs Siege und eine Niederlage in sieben Round-Robin-Spielen. Auch der Blick auf die Shot-Statistik bestätigt das Bild: Addiert man die vier Positionen, liegt Fortius im Spitzenfeld. Statt spektakulärer „Super-Shots“ setzen sie sich Schritt für Schritt mit Genauigkeit durch. Wer Fortius zuschaut, hat das Gefühl, die Mannschaft verdichte den aktuellen Stand von Technik und Eislesen im japanischen Frauen-Curling in einem Team.
Skip Yoshimura entwirft das Gesamtbild des Spielfelds, während Third Kaho Onodera diese Vorstellung teilt und gemeinsam mit ihr die besten Wurfoptionen sucht. Second Yuna Kotani und Lead Anna Omiya justieren mit ihrem Wischen Geschwindigkeit und Curl der Steine bis ins Detail und sorgen gleichzeitig dafür, dass die Stimmung im Team auch aus der Ferne sichtbar positiv bleibt.
Auch die Ersatzspielerin Mina Kobayashi trägt viel dazu bei, die Atmosphäre auf der Bank aufzulockern. Erfahrene Kräfte und jüngere Generation im gleichen Trikot – vielleicht ist genau dieses Gleichgewicht ein Kern dessen, was sich so „typisch Fortius“ anfühlt.
Was hinter der Zahl „acht Olympia-Teilnahmen in Serie“ steckt
Team Nagano in Nagano, Team Aomori in Turin und Vancouver, Loco Solare in PyeongChang und Peking – und nun Fortius in Milano–Cortina. Die Olympia-Geschichte des japanischen Frauen-Curlings ist ohne Unterbrechung weitergegangen, auch wenn sich Teamnamen und Besetzungen mehrfach geändert haben.
„Acht Teilnahmen in Serie“ klingt zunächst wie eine einfache Zahl. Dahinter stehen jedoch Teams, die im Kampf um die Olympia-Tickets gescheitert sind, und Mannschaften, die sich auflösten, als Sponsoren absprangen. Auf all diesen Schichten ruht dieses 6:5 in Kelowna.
Die japanische Männer-Nationalmannschaft (Team Yamaguchi) hatte bis zum Schluss realistische Chancen auf den Einzug in die Playoffs, verpasste ihn aber knapp. Auch diese Enttäuschung eingerechnet, wirkt es inzwischen selbstverständlich, dass „Japan beim letzten Qualifikationsturnier im Curling immer mit dabei ist“.
WINTER NOTE-Linkliste
Zum Schluss noch ein paar offizielle Posts, die sich als Lesezeichen eignen, wenn man den Auftritt von Fortius bei diesem Turnier noch einmal Revue passieren lassen möchte.
Offizieller X-Account von World Curling: der Post zum Olympia-Ticket
Offizieller X-Account von Fortius: eine Timeline des Teams in Echtzeit
YouTube: Interview mit Sayaka Yoshimura
Von Kelowna nach Milano: Die Geschichte von Fortius bekommt jetzt mindestens noch ein weiteres Kapitel.
