WINTER NOTE | Eine kleine Kolumne über Wintersport und die Menschen dahinter.
„Japan ist für Olympia qualifiziert“ – ein Moment, der oft leise daherkommt
Als in der Halle von Kelowna durchgesagt wurde, dass Japan das Ticket für Milano–Cortina gelöst hat, war nicht ein großer Jubelschrei das Auffälligste, sondern wie Skip Sayaka Yoshimura kurz den Blick senkte und ausatmete. Kein Schrei, kein Sprung, sondern eine Freude, die langsam von innen aufstieg. In diesem Augenblick schien sich all die Zeit, die sie diesem Ziel hinterhergelaufen ist, zu bündeln.
Das japanische Frauen-Curlingteam Fortius (Team Yoshimura) besiegte Norwegen beim Olympic Qualification Event 2025 in Kelowna (Kanada) mit 6:5 und sicherte sich damit einen Startplatz für die Olympischen Winterspiele 2026 in Milano–Cortina. Damit steht Japans Frauen-Curling zum achten Mal in Folge seit Nagano 1998 auf olympischem Eis.
Beim fünften Anlauf endlich auf der olympischen Bühne
Für Sayaka Yoshimura waren die Olympischen Spiele lange Zeit etwas, das „fast in Reichweite“ war. Seit ihrer Schulzeit tauchte ihr Name immer wieder in den Kadern der Nationalmannschaft auf. Sie lief bei Weltmeisterschaften, und doch verpasste sie zuweilen den letzten Sprung in die endgültige Aufstellung. Teams wechselten, Vereinszugehörigkeiten änderten sich – aber vom Curling hat sie nie losgelassen.
Es gab sogar eine Phase, in der ein Sponsor ausstieg und die Zukunft des Teams insgesamt infrage stand. Als der Entschluss fiel, den Stützpunkt nach Sapporo zu verlegen und als „Fortius“ neu zu starten, dürften viele ehrlich gedacht haben: „Kann man von hier aus wirklich noch zu den Olympischen Spielen kommen?“
Doch als man Yoshimura nach dem 6:5 im Playoff gegen Norwegen auf dem Eis stehen sah, wie sie mit Tränen kämpfte und Fragen beantwortete, wirkte ihr Gesichtsausdruck, als würde sie sich selbst immer wieder sagen: „Es war richtig, damals weiterzumachen.“
„Es war ein hartes Spiel, aber ich habe das Gefühl, dass wir alles abrufen konnten, was wir vorbereitet hatten.“
Sayaka Yoshimura nach dem Playoff (sinngemäß)
Auf dem Papier ist es nur ein „knappes 6:5“. Aber hinter dieser einen Zeile im Spielbericht stecken die Enttäuschungen von fünf Anläufen und all die Zeit, in der sich die Mannschaft immer wieder verändert und trotzdem weitergemacht hat.
Die besondere Stimmung bei Team Fortius
Wenn Fortius auf dem Sheet steht, liegt eine besondere Atmosphäre in der Luft. Sie unterscheidet sich von der leicht erkennbaren Fröhlichkeit von Loco Solare. Ruhiger, etwas erwachsener – und dann plötzlich losgelöst, wenn ein großer Stein gelingt.
Skip Yoshimura entwirft den Gameplan. Third Kaho Onodera teilt diese Linie und schlägt gelegentlich mutige, riskante Würfe vor. Second Yuna Kotani und Lead Anna Ohmiya kontrollieren mit ihrem Wischen das Tempo der Steine und sorgen – selbst vom Spielfeldrand aus sichtbar – dafür, dass die Stimmung im Team hell bleibt.
Groß ist auch die Rolle von Alternate Mina Kobayashi. Sie bringt jugendliche Energie mit und wirkt selbst in angespannten Momenten, als hätte sie Spaß an der Situation. Erfahrene Spielerinnen und eine frische Generation im gleichen Trikot – dieses Gleichgewicht macht einen großen Teil dessen aus, was wir als „Fortius-typisch“ wahrnehmen.
Eine Generation, die den Stab von acht Olympiateilnahmen übernimmt
Die olympische Geschichte des japanischen Frauen-Curlings begann in Nagano, führte über Team Aomori in Turin und weiter zu Loco Solare in PyeongChang und Peking. Was all diese Teams der Welt gezeigt haben, ist klar: „Japans Frauen-Curling kann auf Augenhöhe mit der Weltspitze spielen.“
Nun ist Fortius an der Reihe, diesen Stab zu übernehmen. Yoshimuras Generation steht genau in der Mitte dieser Staffel. Es ist die Generation, die Loco Solare bei Silber- und Bronzemedaillen im Fernsehen oder live verfolgte und dachte: „Beim nächsten Mal wollen wir dort stehen.“
Das Ziel in Milano–Cortina wird selbstverständlich eine Medaille sein. Und der Ausdruck „acht Olympiateilnahmen in Folge“ lässt sich leicht als bloße Zahl überlesen. Doch in dieser Zahl stecken mehr als 25 Jahre, in denen sich Teams abgelöst haben und dennoch immer wieder die Botschaft zu hören war: „Japan ist stark.“
Die besondere Schwere eines letzten Qualifikationsturniers
Ein finales Olympia-Qualifikationsturnier hat ein ganz eigenes Gewicht. Anders als bei einer Weltmeisterschaft gibt es hier nicht die einfache Formel „wer gewinnt, ist Weltmeister“. Stattdessen steht das Bewusstsein im Raum: „Wenn du hier nicht gewinnst, stehst du gar nicht erst an der olympischen Startlinie.“
In Kelowna trafen Japan, Norwegen, die USA, Deutschland, Türkiye, Estland, Australien und Tschechien aufeinander. Schaut man nur auf Rankings und Meriten, scheinen Japan, Norwegen und die USA im Vorteil. Doch bei einer letzten Qualifikation entstehen viele Spiele, die sich nicht allein mit „auf dem Papier stärker“ erklären lassen.
Auch Fortius verlor das letzte Round-Robin-Spiel gegen Norwegen mit 9:10 nach einer Aufholjagd der Gegnerinnen. Mit diesem unguten Gefühl im Gepäck mussten sie tags darauf im Playoff erneut gegen denselben Gegner antreten. Die Schwere dieser Konstellation war selbst am Bildschirm spürbar.
Dennoch holten sie im 2. End zwei Punkte, stahlen im 5. und mussten im 10. End nur noch den letzten Stein der Norwegerinnen verfolgen, um zu wissen, dass sie gewonnen hatten. Ein leiser Sieg, bei dem der eigene letzte Stein gar nicht mehr gespielt werden musste. Kein spektakulärer Schlusspunkt, aber genau die Art von Erfolg, den ein Team einfährt, das „alles erledigt hat, was zu tun war“.
Was es bedeutet, dass gerade Fortius fährt
Nicht zuletzt durch die Popularität von Loco Solare ist die Zahl der Curlingfans in Japan in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Vor diesem Hintergrund ist die Tatsache, dass „diesmal Fortius als Team Japan zu den Spielen fährt“, auch aus Sicht der sportlichen Breite ein Grund zur Freude.
Gleichzeitig gilt: Ohne den von Loco gegangenen Weg wäre Fortius wohl nicht als eine der „Mitfavoritinnen“ zum Qualifikationsturnier gefahren. Auf dieser Basis betritt nun eine Mannschaft mit ganz eigener Spielweise die olympische Bühne. Vielleicht ist dies ein Symbol dafür, dass sich die Geschichte des japanischen Curlings von der „Erzählung eines einzigen Teams“ hin zu einer „Geschichte vieler miteinander verbundener Teams“ entwickelt.
Niemand weiß heute, welches Curling Fortius in Milano–Cortina zeigen wird. Sicher ist nur, dass sie in jener stillen Nacht von Kelowna den bisher zurückgelegten Weg in einer Art und Weise abschließen konnten, die jede ihrer Etappen mit Sinn erfüllt.
Zum Schluss möchte WINTER NOTE zwei offizielle Beiträge festhalten, die dieses Qualifikationsturnier und den Weg von Fortius widerspiegeln – als Lesezeichen zum Wiederanknüpfen.
Offizieller X-Account von World Curling: der Post zum Olympia-Ticket
Interview mit Sayaka Yoshimura
Je tiefer der Winter wird, desto dichter werden die Geschichten auf dem Eis. Die Geschichte von Fortius wird von Kelowna nach Milano weitergeschrieben – und sie ist noch lange nicht zu Ende.
